Wir hatten damals wirklich gut zu tun.
Ich war Filialleiter in einer Lichtpauserei in Berlin, sechs Filialen, teilweise Schichtdienst. Wir arbeiteten die Bauantragsplanung für den neuen Flughafen ab - Aktenmengen, die über alle Filialen verteilt waren.
Mitten in dieser Zeit verließ der Leiter der Hauptfiliale den Betrieb. Und dann hieß es: Aus dem Mutterbetrieb in München kommt eine Topkraft nach Berlin. Übernimmt die Hauptfiliale. Zeigt uns erst mal, wie Filialbetrieb im Großen richtig funktioniert.
Mit dieser Ankündigung kam er.
Zwei Begegnungen
Die erste war eine Kleinigkeit. Unser Großkopierer brauchte Toner, in der Hauptfiliale lagen noch welche. Ich rief an, kündigte an, dass ich zwei Kartuschen abhole, fuhr rüber. Sie lagen schon vorn am Empfangstisch für mich bereit. Ich nahm sie mit.
Zurück in meiner Filiale stellten wir fest: beide gebraucht, beide leer.
Ich rief an und fragte, was schiefgelaufen war. In derselben Woche kam es von oben zurück - Herr Krüger habe sich ausgerechnet die leeren Kartuschen aus dem Regal genommen. Dass man sie mir bereitgelegt hatte, kam in der Version nicht mehr vor.
Ich habe geschluckt. Vielleicht war es schlecht kommuniziert, dachte ich.
Die zweite Begegnung war teurer. Er rief an und fragte, wie wir ausgelastet sind. Ich sagte: gut beschäftigt, aber wir kommen klar. Wie viele Ordner, wie viele Kartons? Ich bringe die Hälfte rüber, wir nehmen euch das ab. Ich sagte, das brauchen wir nicht. Er bestand darauf.
Also habe ich knapp die Hälfte eingepackt und selbst rübergefahren.
Ein paar Tage später kam der Anruf vom Chef: Warum wir nicht in der Lage seien, die Mengen abzuarbeiten, die uns zugeteilt sind. Die Hauptfiliale sei komplett überlastet - und unser Mann aus München hatte gesagt: Wie soll ich das schaffen, wenn die Filialen auch noch ihr Material bei uns abladen?
Ich habe wieder geschluckt.
Warum ich nichts gesagt habe
Das ging ein halbes, dreiviertel Jahr so. Dann häuften sich die Fälle, er wurde zu Gesprächen gebeten, und irgendwann stand fest, dass er der Aufgabe nicht gewachsen war.
Auf der Weihnachtsfeier danach kam ich mit dem Chef ins Gespräch. Er fragte, wie ich mit ihm klargekommen sei. Ich sagte: ehrlich gesagt nicht - und erzählte ihm die Geschichten.
Warum hast du denn nichts gesagt?
Weil ich nur hätte verlieren können. Der Mann war angekündigt worden, vom Chef geholt, aufgebaut. Hätte ich mich damals gegen ihn geäußert, hätte es ausgesehen, als hätte ich Fehler gemacht und wollte mich herausreden. Ich habe versucht, das Beste aus der Situation zu machen, und mir gedacht: Die Zukunft wird der Geschichte recht geben.
So kam es dann auch.
Die Frage, die ich mir erst viel später gestellt habe
Lange habe ich diese Geschichte als das erzählt, was sie oberflächlich ist: eine Fehlbesetzung.
Sie ist aber vor allem eine Ankündigung.
Denn was war eigentlich passiert, bevor er da war? Ihm wurde ein Ruf vorausgeschickt, den er von Tag eins nicht mehr einholen konnte. Er sollte uns zeigen, wie es richtig geht - in einem Betrieb, den er nicht kannte, mitten in der größten Auftragslage seit Jahren.
Und wir alle haben nur noch darauf gewartet, ob er wirklich liefert.
Das ist der Teil, der mich bis heute beschäftigt. Nicht, ob er gut war. Sondern dass ihm niemand eine Chance gelassen hat, es überhaupt zu werden. Der Hype hat zwei Dinge gleichzeitig kaputt gemacht: den Anspruch an ihn nach oben geschraubt und dem ganzen Haus eine Erwartungshaltung mitgegeben, gegen die man nicht anarbeiten kann.
Bei den ersten Fehlern heißt es dann sofort: Du hast doch gesagt, du kannst das.
Was das mit deinem Betrieb zu tun hat
Du hast wahrscheinlich keinen Mann aus München. Aber du hast vermutlich schon mal jemanden eingestellt, bei dem du dachtest: Der hat einen guten Lebenslauf, der bringt Erfahrung mit, der läuft.
Und dann lief er nicht.
Bevor du das als Fehlbesetzung abhakst, eine Frage:
Woran hätte er sich eigentlich orientieren sollen?
In welcher Reihenfolge deine Abläufe kommen. Was beim letzten vergleichbaren Auftrag beanstandet wurde. Bis zu welcher Summe er selbst entscheiden darf. Wen er anruft, wenn es eng wird.
Wenn das alles nur in deinem Kopf steht - und bei den meisten Betrieben in dieser Größe steht es genau da -, dann kann der Neue gar nicht ankommen. Er kann nur raten. Und du merkst es erst, wenn er falsch geraten hat.
Der Lebenslauf ändert daran nichts. Dass jemand in einer anderen Firma stark war, ist kein Garant, dass er es bei dir wird. Es sagt nur, dass es dort etwas gab, worin er stark sein konnte.
Wie ich es seitdem mache
Jeder, der bei mir anfängt, bekommt denselben Vertrauensvorschuss. Bauhelfer, Facharbeiter, Führungskraft - alle gleich.
Und der ist bewusst nicht besonders hoch. Nicht aus Misstrauen, sondern weil ein niedriger Vorschuss die einzige Form ist, in der jemand ohne Druck zeigen kann, wo er wirklich steht.
Was im Einstellungsgespräch erzählt wurde, spielt danach fast keine Rolle mehr. Die Reihenfolge ist immer dieselbe: reinkommen lassen, ankommen lassen, testen, fordern, fördern.
Und dann schaust du auf genau eine Sache - nicht auf das Tempo, sondern auf die Richtung. Hat er Lust auf seine Aufgaben? Arbeitet er sich mit Interesse rein? Denkt er den nächsten Schritt von selbst mit? Oder bringt er seinen Tag rum, macht sich nichts zuschulden kommen, bringt sich aber auch nicht ein?
Beides ist legitim. Aber nur eines davon ist der Mitarbeiter, den du langfristig willst. Und das siehst du in acht Wochen sehr deutlich - vorausgesetzt, du hast ihm überhaupt etwas gegeben, worin er sich entwickeln kann.
Zwei Schritte, die du diese Woche gehen kannst
Erstens: Kündige den Nächsten nicht an. Wenn demnächst jemand anfängt, sag deinem Team, wer kommt und was er machen wird. Mehr nicht. Kein "der hat bei X gearbeitet, der zeigt uns mal, wie das geht". Du nimmst ihm damit nichts weg - du nimmst ihm den Gegenwind ab, den er sich nicht verdient hat.
Zweitens: Schreib die erste Seite auf, bevor der Nächste kommt. Nicht das Handbuch. Eine Seite. Der eine Ablauf, den er in der ersten Woche ganz sicher braucht, und die eine Entscheidungsgrenze, bis zu der er selbst handeln darf. Wenn du das nicht in fünfzehn Minuten hinbekommst, weißt du schon, warum der Letzte gescheitert ist.
Wie du so einen Ablauf zum ersten Mal aufschreibst, steht in Die erste SOP. Und warum der Fehler danach oft gar nicht mehr beim Mitarbeiter liegt, in Der Fehler war nicht seiner.
Der einfachste Test dafür, was bei dir im Kopf steht
Es gibt eine Abkürzung zu der Frage, was ein Neuer eigentlich wissen müsste. Und zwar eine unangenehme.
Stell dir vor, du fällst eine Woche aus. Nicht Urlaub - Grippe, Unfall, unangekündigt. Was müsste jemand anderes wissen, um diese Woche zu überstehen?
Das ist dieselbe Liste. Ein Ausfallplan und ein Einarbeitungsplan sind derselbe Zettel, nur aus zwei Richtungen gelesen.
Genau dafür habe ich den 7-Tage-Ausfallplan gebaut. Eine Seite zum Ausdrucken und Ausfüllen: was in dieser Woche tatsächlich anfällt, wer beim kritischsten Punkt entscheidet und in welchem Rahmen, und der eine Ablauf, der bisher nur in deinem Kopf steht.
Dreißig Minuten, kostenlos, kein Tool und kein Login. Danach hast du kein Ergebnis auf dem Bildschirm, sondern ein ausgefülltes Blatt auf dem Tisch - und die halbe Einarbeitung für den Nächsten gleich mit.
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