Auf der Baustelle geht etwas schief, und meistens wissen alle sofort, wer es war.
Der Reflex ist immer derselbe. Man geht hin, man sagt etwas. Am besten gleich, am besten dort, wo es passiert ist - und damit fast zwangsläufig vor den anderen.
Ich habe das in siebzehn Jahren mit zwölf Mitarbeitern nie gemacht. Nicht ein einziges Mal habe ich jemanden vor der Mannschaft auf einen Fehler angesprochen.
Nicht aus Rücksicht. Sondern weil ich die Antwort zu dem Zeitpunkt noch gar nicht hatte.
Die Frage, die vor der Kritik kommt
Bevor ich mit jemandem über einen Fehler gesprochen habe, habe ich mir angesehen, warum er passiert ist. Und zwar bevor ich überhaupt eine Meinung dazu hatte.
Es gibt tausend Gründe, warum jemand in einem bestimmten Moment etwas falsch macht. Solange du die nicht kennst, ist jede Kritik ein Schuss ins Dunkle. Die Fragen, die ich mir gestellt habe, waren immer dieselben:
Hatte er überhaupt alle Informationen, die er für diese Aufgabe gebraucht hätte? Stand irgendwo, in welcher Reihenfolge die Schritte kommen? Wusste er, was beim letzten vergleichbaren Auftrag beanstandet wurde? War klar, wer entscheidet, wenn es eng wird - und bis zu welcher Grenze?
War etwas anderes im Weg? Ablenkung, Zeitdruck, ein privates Problem, das gerade schwerer wiegt als der Bauablauf. Das muss man nicht ausgraben, aber man muss damit rechnen.
Erst wenn ich das zusammen hatte, habe ich ihn ins Gespräch geholt. Unter vier Augen, nie im Verbund.
Die unbequeme Antwort
Und jetzt der Teil, der weh tut.
In den meisten Fällen lautete die Antwort auf die erste Frage: nein. Er hatte nicht alle Informationen. Nicht, weil sie ihm jemand vorenthalten hätte.
Sondern weil sie nirgends standen.
Sie standen in meinem Kopf. Nur da.
Ich wusste, in welcher Reihenfolge bei einer Altbausanierung die Schritte kommen. Ich wusste, welcher Nachbar beim letzten Mal Ärger gemacht hat und dass man den Aushang zwei Tage früher hängen muss. Ich wusste, bis zu welcher Summe der Vorarbeiter selbst entscheiden darf. Ich wusste es - und ich hatte es nie aufgeschrieben.
Wenn das so ist, kannst du deinen Mann dafür nicht kritisieren. Der Fehler war nicht seiner. Er war meiner.
Und die Konsequenz ist dann auch keine Ansprache, sondern ein Blatt Papier: Wissen nachreichen, den Ablauf klarer formulieren, ihn aufschreiben. Damit er beim nächsten Mal da steht, wo der Mann arbeitet, und nicht da, wo ich gerade bin.
Warum ein Gespräch allein nichts ändert
Das ist der Punkt, an dem viele Chefs jahrelang im Kreis laufen.
Du merkst, dass ein Ablauf nicht funktioniert. Du führst ein Gespräch. Es wird besser - für zwei Wochen. Dann kommt der nächste Auftrag, oder ein neuer Mann, und derselbe Fehler passiert wieder.
Solange die entscheidende Information nur in deinem Kopf existiert, ist jedes Gespräch eine mündliche Übertragung mit begrenzter Haltbarkeit. Du kannst zehnmal reden. Es ändert nichts an der Ursache.
Der Ablauf muss raus aus deinem Kopf. Sonst hängt er weiter an dir, und du merkst es nur immer dann, wenn du nicht da bist - genau darum geht es in Das 7-Tage-Ausfall-Szenario.
Und nein, das ist kein Weichspüler
Diese Haltung wird gern mit Nachgiebigkeit verwechselt. Sie ist das Gegenteil.
Denn dieselben Gespräche zeigen dir sehr schnell etwas anderes: Ob jemand überhaupt daran interessiert ist, dass es besser wird. Ob er etwas annimmt und sich entwickelt - oder ob er sinngemäß sagt: "Ist mir egal, ich mache das hier so."
Wenn jemand über Monate keine Entwicklung zeigt, musst du die Konsequenz ziehen und dich trennen. Ein Team ist immer nur so stark wie sein schwächstes Mitglied. Und das ist keine Floskel: Einer, der ständig etwas zu nörgeln und zu diskutieren hat, sorgt dafür, dass vier oder fünf Leute um ihn herumstehen und mitdiskutieren, statt weiterzuarbeiten. Er kostet dich nicht seine Arbeitszeit. Er kostet dich fünf.
Aber - und darauf kommt es an - diese Entscheidung darfst du erst treffen, wenn du sicher bist, dass es nicht an dir lag. Vorher trennst du dich womöglich von jemandem, der nur nie erfahren hat, wie es richtig geht.
Was sich im Team verändert
Der Effekt zeigt sich nicht am selben Tag, aber innerhalb von Wochen.
Ein Team, das nicht auf den nächsten Vorwurf wartet, arbeitet anders. Es fühlt sich nicht unter Argusaugen beobachtet, als warte oben jemand nur darauf, dass etwas schiefgeht. Es meldet Probleme früher, weil es sich das trauen kann. Und es fragt nach, bevor es rät.
Das ist übrigens der eigentliche Grund, warum Abläufe nie fertig sind. Wenn deine Leute ohne Angst reden, hörst du zum ersten Mal, wo eine Anweisung unpräzise war, wo eine Kleinigkeit fehlt, wo eine Regel in der Praxis nicht funktioniert. Diese Regeln sind nicht in Stein gemeißelt. Sie gehören immer wieder auf den Prüfstand und werden nachgeschärft.
Zwei Schritte, die du diese Woche gehen kannst
Erstens: Nimm den letzten Fehler, über den du dich geärgert hast. Nicht den größten - den letzten. Und beantworte für dich schriftlich eine einzige Frage:
Stand irgendwo, was der Mann hätte wissen müssen?
Wenn nein, hast du deinen ersten Kandidaten für einen aufgeschriebenen Ablauf gefunden. Wie so etwas aussieht, ohne dass daraus ein Aktenordner wird, steht in Die erste SOP.
Zweitens: Klär eine einzige Entscheidungsgrenze. Nicht alle. Eine. Bis zu welcher Summe darf dein Vorarbeiter selbst bestellen, ohne dich zu fragen? Sag ihm die Zahl, und schreib sie auf. Du wirst überrascht sein, wie viele Rückfragen das erledigt - und wie oft dieselbe Frage vorher an dir hängen geblieben ist.
Wenn du wissen willst, wie viel bei dir im Kopf steht
Der ehrlichste Test ist der Ausfall. Nicht Urlaub - Grippe, Unfall, eine Woche, unangekündigt.
Genau dafür habe ich den 7-Tage-Ausfallplan gebaut. Eine Seite zum Ausdrucken und Ausfüllen: was in dieser Woche tatsächlich anfällt, wer bei dem kritischsten Punkt entscheidet und in welchem Rahmen, und der eine Ablauf, der bisher nur in deinem Kopf steht.
Dreißig Minuten, kostenlos, kein Tool und kein Login. Danach hast du kein Ergebnis auf dem Bildschirm, sondern ein ausgefülltes Blatt auf dem Tisch.
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